Vereinsgeschichte


Vorgeschichte

Die Kurzschriftgeschichte in Treysa vor der Vereinsgründung und bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges lässt sich nur noch schwer nachvollziehen. Dies liegt darin begründet, dass alle Unterlagen bis zum Jahre 1943 von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) am 13. Mai 1943 beschlagnahmt wurden. Lediglich ein Protokollbuch, einige Schriftstücke und wenige Pressemitteilungen konnten der Beschlagnahme entzogen werden.

Die Zeit bis zur Vereinsgründung

Um die Jahrhundertwende wird in Treysa Unterricht in Stenografie nach dem System "Stolze" erteilt. Der Unterricht findet zu dieser Zeit im Wettlauferschen Saale (dem späteren Gasthaus Schmidt) statt. Die vom Marburger Kurzschriftveteran Kniese begonnene Arbeit wird ab 1910 vom Justizpraktikanten Henrich fortgesetzt. Lehrer Volze aus Homberg (Efze) unterrichtet in den Jahren 1919 und 1920 nach dem System "Stolze-Schrey", dem damals in Kurhessen-Waldeck vorherrschenden System. Neben diesen beiden Systemen gibt Studienrat Weidmann an der Höheren Schule einen Einführungslehrgang in das System "Gabelsberger". In 1921 droht die Arbeit zu stocken. Da nimmt Heinrich Börner den Kurzschriftgedanken auf und erteilt jungen Leuten Unterricht. Dies führt dann später zur Vereinsgründung. 

Am 20. September 1924 schlägt die Geburtsstunde der "Deutschen Einheitskurzschrift". Sie ist das Ergebnis langwieriger Einigungsverhandlungen, die von 1906 bis 1924 dauerten.

Von der Vereinsgründung bis in die Nachkriegsjahre

Am 23. Mai 1925 wird der "Stenografenverein Stolze-Schrey Treysa“ gegründet, der seinen Namen später in "Stenografenverein 1925 Treysa e. V." ändert. Kurzschriftunterricht wird weiterhin nach dem System "Stolze-Schrey" erteilt, aber auch Lehrgänge in "Deutscher Einheitskurzschrift". Dieses System wird im Verein seit 1926 nur noch gelehrt.

Noch in 1925 übernimmt der Verein Schulungen für Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn in Treysa, Malsfeld und Marburg sowie bei Behörden in Treysa - wie Amtsgericht, Post und Kulturamt. Überall dort wird die Stenografie als rationelles Arbeitsmittel auch im innerbetrieblichen Schriftwechsel eingesetzt. Diese Aktivitäten strahlen bis in die Eisenbahnerstadt Bebra aus und führen dort zur Vereinsgründung.

Aus einem Protokoll vom 11. April 1937 geht hervor, das der Verein erstmals Unterricht im Maschinenschreiben erteilt. Damit wird deutlich, dass das Lehrgangsangebot des Vereins schon immer dem technischen Fortschritt in den Büros angepasst wurde.

Von der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten in 1933 wird das gesamte Vereinswesen in Deutschland erfasst. Die "Gleichschaltung" führt zur Deutschen Stenografenschaft, deren Ortsgruppe im "Gau Kurhessen" nunmehr der Verein ist. Ab 1937 wird die Arbeit des Vereins beschnitten. Die Deutsche Arbeitsfront übernimmt die Grundausbildung in Kurzschrift und im Maschinenschreiben, den Ortsvereinen verbleibt nur noch die weitere Förderung, indem sie Übungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Schreibfertigkeit bieten.

Der dann ausbrechende Krieg zieht die Aufmerksamkeit und den Einsatz aller Kräfte auf dieses Geschehen, so dass die Arbeit des Vereins schon aus diesem Grunde etwas erlahmt. Dazu kommen die Einsparungen an Energie, die Verdunklung, der vermehrte Arbeitseinsatz im Krieg usw., welche dem Vereinsleben, das eigentlich erst in den Abendstunden beginnt, große Schwierigkeiten bereitet. Die wenigen vorhandenen Aufzeichnungen aus dieser Kriegszeit befassen sich auch meist nur mit Anordnungen über organisatorische Veränderungen der Deutschen Stenografenschaft. Zur zweiten Kriegsweihnacht soll den Kameraden an der Front eine Freude bereitet werden. Der Deutschen Stenografenschaft in Bayreuth werden die Feldpostanschriften dreier Mitglieder gemeldet. Von den 35 Vereinsmitgliedern sind in 1942 acht bei der Wehrmacht.

In allen stenografischen Gliederungen wird eine "Kriegswichtige Arbeitseinschränkung" angeordnet. Das führt dazu, dass das gesamte Vereinsvermögen dem Kreissachwalter der DAF zur Verwendung für das Deutsche Leistungsertüchtigungswerk der DAF zu überlassen ist. Das Vereinsleben kommt durch all diese Umstände fast zum Erliegen.

Nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft sind es Ludwig Groß und Conrad Hilger, die die Treysaer Stenografen zu einer ersten Versammlung nach dem Zweiten Weltkrieg am 15. Oktober 1948 zusammenrufen, um das Vereinsleben zu aktivieren.

Schwierige Aufbauarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg

In der Mitgliederversammlung am 8. November 1949 im Sitzungssaal des Amtsgerichts Treysa gibt Vorsitzer Hermann Meyer bekannt, "daß er sich seit mehr als einem Jahr bemühe, für den Stenografenverein einen geeigneten Unterrichtsraum zu bekommen. Der Antrag des Vereins an den Bürgermeister der Stadt Treysa vom 18. Oktober 1948 auf Zurverfügungstellung eines Unterrichtsraums in der Schule, der sowohl vom Kultusministerium und dem Herrn Regierungspräsidenten in Kassel lebhafte Unterstützung fand, wurde von der Stadtverwaltung abgelehnt, so daß alle Bemühungen und persönliche Vorstellungen in dieser Richtung bei der hiesigen Stadtverwaltung erfolglos gewesen seien. - Durch die tatkräftige Unterstützung des Herrn Amtsgerichtsrats Dr. Manskopf und des Herrn Landgerichtspräsidenten in Marburg (Lahn) ist es dem Verein nunmehr gelungen, einen Raum im Amtsgerichtsgebäude, und zwar den Sitzungssaal, für die Aufnahme des Unterrichts zu bekommen."

Am 30. September 1950 stellt Hermann Meyer fest, dass für die Ausbildung und das Training ein zweiter Unterrichtsraum notwendig wurde. Es sei schließlich gelungen, dass dem Verein ein Schulraum von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt worden ist. Den Neubau der Treysaer Volksschule (heute Eckhard-Vonholdt-Schule) in der Pestalozzistraße unterstützt der Verein 1951 durch eine Spende an die Stadt.

Maschinenschreiben als Herausforderung in der 1950er Jahren

Ludwig Groß wird im Januar 1954 zum Vorsitzer des Vereins gewählt. Er setzt sich dafür ein, dass das Fach Maschinenschreiben kontinuierlich als zweites Standbein neben der Stenografie in der Aus- und Weiterbildungsarbeit des Vereins aufgebaut wird. Damit trägt der Verein dem allgemeinen Bildungsstreben Rechnung, da die beginnende Informationsflut in den Büros von Wirtschaft und Verwaltung nur durch leistungsfähige und gut ausgebildete Kräfte bewältigt werden kann. Die ersten Schreibmaschinen werden für die Schulungen angeschafft. Seit 1959 hat der Verein in der Reichenberger Straße 18 seine Treysaer Aus- und Fortbildungsstätte, die 1969 erweitert wird.

Ehemalige Stenografenvereine in den Nachbarorten - zum Beispiel in Frielendorf, Neukirchen, Ziegenhain und Borken - werden nach dem Krieg nicht mehr aktiviert. Ludwig Groß ist es, der ab 1951 erste Lehrgänge in Ziegenhain und Frielendorf einrichtet. Im Folgejahr wird mit dem Unterricht in Neukirchen begonnen.

Anfang der 1960er Jahre kommen als neue Lehrgangsorte Wasenberg und Oberaula hinzu. Maschinenschreiblehrgänge werden auch in Verna und Willingshausen durchgeführt. Neue Lehrgangsorte werden Gilserberg (1971), Schrecksbach (1972), Bad Zwesten und Borken (nach den Sommerferien 1974). Mit der Volkshochschule des damaligen Kreises Ziegenhain beginnt nach den Sommerferien 1971 eine vorbildliche Zusammenarbeit, die nach der Gebietsreform zunächst mit der dann entstandenen VHS des Schwalm-Eder-Kreises fortgeführt, von dieser jedoch 1991 beendet wird.

In den Jahren 1966 und 1967 werden die ersten elektrischen Schreibmaschinen angeschafft, darunter zwei Kugelkopf-Schreibmaschinen. In den folgenden Jahren vervollständigt und modernisiert der Verein ständig seine schreibtechnische Ausstattung.

Stenografenhaus und neue EDV-Ausstattung

Die außerordentliche Mitgliederversammlung am 19. August 1990 beschließt den Bau eines Stenografenhauses mit drei Schulungsräumen für Stenografie und allgemeinen Unterricht, für Maschinenschreiben und für die Datenverarbeitung. In den großzügig gestalteten Aufenthalts- und Kommunikationsbereich wird das Museum historischer Schreibmaschinen und die Fachbibliothek integriert. Baubeginn ist im Mai 1994, der Einzug erfolgt Ende Dezember 1994. Das Gebäude in der Reichenberger Straße 22 ist ein bundesweit einmaliges Projekt. Die Büro- und Schulungsräume werden nach modernsten technischen und ergonomischen Anforderungen ausgestattet. Damit sind alle Voraussetzungen für optimale Schulungen geschaffen.

Ära Ludwig Groß

Am 1. Februar 1939 erklärt Ludwig Groß nach Absolvierung eines Lehrgangs in Kurzschrift seine Mitgliedschaft. Schon kurze Zeit später wird er mit Arbeiten des Vorstandes beauftragt und als Kassierer in den Vorstand gewählt. Dieses Amt bekleidet er bis 1952 und wird dann Wettschreibleiter. Über viele Jahre hinweg ist er der einzige Fachlehrer für Stenografie und Maschinenschreiben im Landkreis Ziegenhain.

Die Mitgliederversammlung am 23. Januar 1954 wählt Ludwig Groß zum Vorsitzer des Vereins. Wie sich im Laufe der Zeit herausstellt, ist mit seiner Wahl ein hierfür einmalig befähigter und dynamischer Vorstand an die Spitze des Vereins gewählt worden. Dank seiner Ideen, seiner Initiative, seines Organisationstalents und seiner Tatkraft nimmt der Verein einen ungewöhnlichen Aufschwung. Die Organisation des Vereins wird grundlegend neu gestaltet, Unterricht im Maschinenschreiben aufgenommen und die Lehrgangsarbeit intensiviert.

Die Zahl der Mitglieder steigt stetig. Anlässlich des 33. INTERSTENO-Kongresses 1979 in Belgrad stellt Generalsekretär Marcel Racine (Schweiz) heraus, dass der Stenografenverein 1925 Treysa e. V. mit weit über 1300 Mitgliedern der Welt größte örtliche Stenografenverein ist.

Nachdem Ludwig Groß aus gesundheitlichen Gründen in der Jahreshauptversammlung am 18. Januar 1980 nicht mehr als Vorsitzer kandidiert, dankt Klaus Bock dem scheidenden Vorsitzer für seine aufopfernde, jahrzehntelange Tätigkeit - davon 26 Jahre als Vorsitzer. Diese Kontinuität in der Vereinsführung in all den Jahren seit der Gründung ist bis dahin einmalig. Allein so gesehen kann man von einer "Ära Ludwig Groß" sprechen. Als seinen Nachfolger als Vorsitzer wählt die Versammlung Fachlehrer Ralf Groß.

Als Lehrgangsleiter stellte sich Ludwig Groß seit den 1940er Jahren bis zu seinem Tod 1993 zur Verfügung. "Als Apostel in Sachen Stenografie reiste Ludwig Groß in den 1940er und 1950er Jahren durch die Schwalm und baute in mühevoller Kleinarbeit und unter großem persönlichen Einsatz den heute größten Stenografenverein der Welt auf", führt Karl-Heinz Ide, sein langjähriger Weggefährte und Vorstandskollege, in der Laudatio während der Feierstunde am 14. März 1980 aus, in der der Verein ihn zum Ehrenvorsitzer ernennt. Der Stenografenbezirk Nordhessen beruft seinen langjährigen Vorsitzer ebenfalls zum Ehrenvorsitzer, wenige Wochen später wird er Ehrenmitglied des Hessischen Stenografenverbandes, in dem er jahrezehntelang als Wettschreibleiter und stellvertretender Landesvorsitzer wirkte.

Ära Ralf Groß

Die Mitglieder des Vereins stellen ihr Wissen und Können regelmäßig bei vereinsinternen Wettbewerben und überregionalen Meisterschaften unter Beweis. Neben der Teilnahme an den gewöhnlich alle zwei Jahre stattfindenden Weltmeisterschaften (erstmals 1969 mit Ralf Groß in Warschau) baut Vorsitzer Ralf Groß die internationalen Kontakte aus. Der Verein entsendet seit vielen Jahren Wettschreiber zu Meisterschaften in die Schweiz, in die Niederlande, nach Belgien, Österreich und die Tschechische Republik. Umgekehrt sind Wettschreiber aus dem In- und Ausland regelmäßig bei den Wettbewerben des Vereins am Start. Dabei finden besonders die Vergleiche Anklang, die von Ralf Groß kreiert wurden, wie das Marathonschreiben, das im Jahre 1990 das erste gesamtdeutsche Wettschreiben überhaupt ist.

Fast 40 Jahre lang - bis zu seinem Tod im Januar 2019 - leitet Ralf Groß den Verein. Neben der Ausweitung der Kontakte zu befreundeten Vereinen im In- und Ausland engagiert er sich nach der Wende 1989 bei der Aufbauarbeit von Stenografenvereinen in den neuen Bundesländern sowie in anderen stenografischen Organisationen wie dem "Verein zur Förderung fortschrittlicher Schreibtechniken" und der "Arbeitsgemeinschaft deutscher Stenographie-Systeme".